Ambitionierte Auszeichnung für brillanten Essayisten
Franz Schuh erhält den „TRACTATUS“, Essay-Preis des „Philosophicum Lech“
Erster Preisträger des mit 25.000 Euro dotierten „TRACTATUS“, Essay-Preis des Philosophicum Lech, ist der österreichische Kulturpublizist, Essayist und Philosoph Franz Schuh. In seinem zuletzt im Zsolnay Verlag erschienenen Werk „Memoiren. Ein Interview gegen mich selbst“ gelang ihm ein weiteres Bravourstück an analytischer Schärfe, scharfer Ironie, ironischer Selbstspiegelung und sprachlichem Schliff – schlicht die hohe Kunst des Essays.
Als „Equilibrist der Sprache“ (Thomas Rothschild) oder als „eine freundliche Denkmaschine und einer der letzten Allround-Gelehrten" (Die Zeit) sowie als „eine Schreibkraft, so unerbittlich wie der beste Ernst Jandl“ (Neue Zürcher Zeitung) wurde er schon bezeichnet und in einem Atemzug mit österreichischen Größen der Essayistik wie Karl Kraus, Alfred Polgar, Anton Kuh oder Egon Friedell genannt. Franz Schuh, unbestechlicher Analytiker des „Allzumenschlichen“ – nicht zuletzt seiner selbst – und Meister der subtilen Ironie erhält den „TRACTATUS“, den mit 25.000 Euro dotierten Essay-Preis des Philosophicum Lech, der dieses Jahr zum ersten Mal vergeben wird.
Spätestens seit seinem Opus Magnum "Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche", für das er 2006 den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch/Essayistik erhielt, ist der promovierte Philosoph, Kritiker und Feuilletonist (u. a. für „Die Zeit“), Kulturpublizist und Essayist einem breiteren Publikum bekannt. Nicht überraschend für Kenner und damit meist eingefleischte Bewunderer seines intellektuellen Kosmos und seiner sprachlichen Brillanz, widmet sich Franz Schuh mit „Memoiren. Ein Interview gegen mich selbst“ ein weiteres Mal in unvergleichlicher, höchst einprägsamer Weise der Kunst „des Entwickelns der Gedanken vor den Augen des Lesers“.
Bei dem vieldeutigen, mit Selbstkritik und -ironie gespickten Frage-Antwort-Spiel zwischen Franz Schuh und Franz Schuh handelt es sich weniger um Memoiren im Sinne autobiographischer Erinnerungen und Denkwürdigkeiten als vielmehr um „eine Art Memorieren, ein Rekapitulieren des Fragwürdigen“, wie der Autor schon im Vorwort Doppelsinn und das oft Doppelbödige seiner Reflexionen anklingen lässt. Wie kein anderer versteht es der begnadete Essayist, das scheinbar Abseitige, philosophischen Diskurs und menschlich wie gesellschaftlich existenzielle Fragen in genauso präziser wie verblüffender Gedankenabfolge, lustvoll lavierend zu vereinen.
„In seiner Person findet sich eine heute selten gewordene Verbindung von Esprit und Wort; von philosophischer Tiefenschärfe und milder Menschlichkeit bei zugleich messerscharfer Sprache“, so die Schweizer Philosophin Ursula Pia Jauch, die gemeinsam mit Philosoph und Sachbuchautor Rüdiger Safranski sowie dem österreichischen Journalisten und Autor Helmut A. Gansterer die Jury des „TRACTATUS“ stellt. Zudem, so Jauch weiter, habe „Franz Schuh in seinem langjährigen, mit gleichbleibender Insistenz vorgetragenen Œuvre vorbildlich die Rolle eines mit Klugheit, geistigem Furor und schriftstellerischer Brillanz gesegneten Kommentators der Zeit versehen“.
Damit wird der Autor ganz dem Anspruch des „TRACTATUS“ gerecht, herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Wissenschaftsprosa oder philosophischen Essayistik zu würdigen. Ein Metier, das diesbezüglich im Vergleich zur Bellestristik bis dato spärlich bedacht wurde – sieht man vom Sigmund-Freud-Preis, dem Jean-Améry-Preis und dem Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse ab.
„Mit der Prämierung soll über hervorstechende Publikationen auf dem immer wichtiger werdenden Feld geistiger Auseinandersetzungen und Standortbestimmungen verlässlich Auskunft gegeben werden“, wie der Philosoph Konrad Paul Liessmann, wissenschaftlicher Leiter des „Philosophicum Lech“ unterstreicht.
Angeregt wurde der „TRACTATUS“ von Schriftsteller Michael Köhlmeier, der gemeinsam mit dem Bürgermeister von Lech am Arlberg, Ludwig Muxel schon die Idee zum Philosophicum hatte. Mit 25.000 Euro ist er dank der großzügigen Unterstützung eines privaten Sponsors einer der höchstdotierten Buchpreise im deutschen Sprachraum. Ist ein deklariertes Ziel, durch die Auszeichnung das Renommee des Prämierten zu steigern, wirkt Letzteres auf den Status des „TRACTATUS“ zurück, verweist Köhlmeier auf die Wechselwirkung, sprich die „doppelte Ehre“. Bei der Juryentscheidung sollen insbesondere die Originalität des Denkansatzes, der sprachlichen Gestaltung und die Relevanz des Themas Berücksichtigung finden.
„Prämiert werden deutschsprachige Publikationen, die der Form des Essays oder des essayistisch orientierten Sachbuchs verpflichtet sind und philosophische Fragen in erweitertem Sinne ambitioniert und doch einem breiteren Publikum verständlich diskutieren“, erläutert Konrad Paul Liessmann. Der Essay-Preis möchte sich als ein Beitrag zur Standortbestimmung in philosophisch und gesellschaftlich relevanten Diskursen begreifen, was ganz der Grundintention des Philosophicum Lech entspricht. Es gilt, zentrale Themen der Zeit zu analysieren, neue Perspektiven zu entwerfen, diskussionswürdige Deutungen und innovative Interpretationen zu bieten.
Unter selbigen Vorzeichen wird sich das Philosophicum Lech vom 16. - 20. September dem Thema „Vom Zauber des Schönen. Reiz, Begehren und Zerstörung“ widmen. Das bereits im Titel anklingende Spannungsfeld reicht von der „Reflexion des Schönen in der Antike“ bis zur modernen Attraktivitätsforschung, von „Sexualität, Technik, Sprache, Kunst“ über das „Bild der ‚schönen‘ Alpen zwischen Bewunderung und Langeweile“ bis hin zur „sozialen Macht des Schönen“. Zur facettenreichen, höchst aktuellen Auseinandersetzung in Vorträgen und anschließender Diskussion sind wieder renommierte Philosophen, Kultur-, Sozial- und Naturwissenschaftler geladen.
Im Rahmen des Philosophicum Lech wird am 18. September 2009, um 21:00 Uhr auch die feierliche Verleihung des „TRACTATUS“ an Franz Schuh erfolgen, die Laudatio hält Ursula Pia Jauch. „Von weither winken Diderots ‚Jacques le Fataliste‘ und Nietzsches ‚Menschliches, Allzumenschliches‘; auch sie philosophische Selbstgespräche für freie Geister, die der Zeit den Puls gefühlt und den in ihr lebenden Menschen geistige Nahrung gespendet haben“, charakterisiert sie die „Memoiren“. Als herausragender Ort intellektueller Auseinandersetzung längst etabliert, folgt das Philosophicum Lech mit der Initiative des „TRACTATUS“ nicht zuletzt seiner Verantwortung.